"Wer die Ursache nicht kennt,
nennt die Wirkung Zufall." (Werner Mitsch)

Nur mal kucken - oder, wie überliste ich mich selbst

Von Sandra Gutmann und Ingrid Merz

Seit Jahren sehen wir Anzeigen über Avatar; telefonieren mit Avatar-Trainern wegen möglicher Berichte und seit Jahren gab es immer wieder Gründe, ein geplantes Treffen zu verschieben - wenn da nicht diese wachsende Neugier gewesen wäre, dieses unbestimmte Prickeln im Bauch, sobald es um Avatar ging.

Das Seminar basiert auf der These: "Überzeugungen schaffen Erfahrungen". Das heißt, was immer ein Mensch glaubt, wird er auch anziehen und erleben. Äußerungen wie: " Warum passiert das immer mir?" oder "Das ist so" sind meist das Ergebnis unbewusster Überzeugungen, die aus eigenen oder übermittelten Erfahrungen entstanden sind.

Wir beschlossen also, uns einen 9-tägigen Avatar-Kurs anzusehen um dann zu entscheiden, ob wir darüber berichten werden oder nicht. Eben nur mal kucken. Beginn Freitag Nachmittag, 14:00 Uhr: Vorstellungsrunde. " Oh nein! " denke ich. "Ich bin die blabla aus blabla und bin hier weil bla. " Viel zu viele solcher Runden habe ich schon erlebt, Management-Seminare besucht, an Eso-Kursen teilgenommen. Ging es mir danach wirklich besser? Hat sich etwas verändert? Ein bisschen immer - im Laufe der Jahre. Also gut, nun bin ich schon mal hier; also sag' ich halt auch mein Sprüchlein. Und da brachten sie mich das erste Mal aus dem Konzept. Die machen das ganz anders. 30 Teilnehmer und 6 Trainer - und wir lachen schon in den ersten 30 Minuten. Wir bekommen Eindrücke von den Menschen im Raum auf sehr lustige und leichte Art. War das gerade ich, die da schon gleich einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte? Das muss ja nichts heißen, ich kuck nur mal.

Avatar schafft Ordnung in dieser unbewussten Rumpelkammer. Warum also nicht überprüfen, was unser Leben beeinflusst? Es geht nicht um die Ausdehnung positiven Denkens. Es geht um das Erkennen der eigenen Persönlichkeit, um das Auflösen unbewusster Beeinflussungen, die letztlich das Leben fremd bestimmen. Das sichtbar Machen dieser Überzeugungen ist der erste Schritt, uns selbst zu begreifen. Denn nur was wir bewusst erleben oder wahrnehmen, können wir verändern oder auflösen.

Im ersten Teil des dreiteiligen Avatar-Kurses geht es also um Verstandesdinge, philosophische Hintergründe und die eigenen Überzeugungen und Erfahrungen. Der Teilnehmer wird sein Bewusstsein, seine Denkmuster und Verhaltensstrukturen, die durch Fremdbestimmung wie Erziehung, Umwelt, Gesellschaft und eigene Erlebnisse geprägt sind, betrachten und ordnen. So manches Aha-Erlebnis vermittelt Einsichten. Die eigene Wahrnehmung wird geschärft. Es gibt viel Raum zum Nachsinnen und um Verstand und Herz zusammenzubringen.

Durch fühlen zurück zu dir

Wir bilden Gruppen, lesen Texte, machen Übungen, fühlen. Durch mein eigenes Verhalten bekomme ich blitzschnelle Lektionen. "Wie war das damals, als du... ? Tränen steigen auf. Was soll das? Das Thema kenne ich schon. Ich weine doch nicht, um des Weinens wegen. Brauche ich auch nicht. Mit nur wenig Unterstützung gelingt es mir; die Situation erstmals mit ganz anderen Augen zu sehen.

Viele Menschen haben im Lauf der Jahre ihre Gefühle mit Symbolen und Bewertungen belegt. Gut und schlecht bestimmen nun die eigene Wahrnehmung. Genau da setzt der zweite Teil des Avatar-Serninars an. Es geht darum, die Prinzipien von Schöpfung und Erfahrung zu begreifen. Übungen, in denen das Wahrnehmen unser Kreationen trainiert wird, bestimmen nun den Tag. Ziel ist es, Realität ohne Bewertung, Verzerrung oder Trennung wahrzunehmen, Realität zu verändern und reale, erfahrbare Seinszustände bewusst zu erschaffen.

Kurzum, es geht um „fühlen" in seiner reinsten Art. Die Dinge, Situationen oder Lebewesen als das zu fühlen, was sie sind. Nicht, was wir in sie hinein interpretieren. „Gib jegliches Bewerten auf" ist die stetig sich wiederholende Aufforderung.

9 Tage weg von zu Hause und der Arbeit. Jeden Tag volles Seminarprogramm und jeden Tag so viel Zeit für mich. In der Natur; quer durch die Wiesen, um den See, im Pool. Ich fühle mich. Ich erinnere mich. Warum bin ich kaum noch in der Natur; wo ich es doch so liebe, draußen zu sein? Fragen tauchen auf, Antworten kommen. Woher weiß ich das plötzlich? Ein andermal stecke ich fest, kämpfe mit mir und der ganzen Welt - eine aussichtslose Situation. Keiner hilft mir; es gibt keine Lösung. Dann ein kurzes Gespräch mit einer Trainerin, was hat sie getan? Ich erinnere mich zwar an mein Problem, es scheint aber emotional nicht mehr vorhanden zu sein. Ich wurde nur kurz an der Hand genommen, konnte von einer anderen Stelle über meine innere Landschaft blicken und hatte den Eindruck, noch niemals dort gewesen zu sein. Aber es ist in mir; es ist ICH. Oder doch nicht? Es ist jetzt ICH. Nachher vielleicht nicht mehr: Aha, so fühlt es sich an, von dort über die Landschaft zu blicken. Habe ich mir alles nur eingebildet? Ist mein ganzes Leben nur eine einzige Illusion? Ich mache es zu dem, was es ist. Na dann...

Zahlreiche Übungen unterstützen diesen Prozess, für den vier bis fünf Tage geplant sind. Ab dieser Phase bestimmt jeder sein eigenes Tempo - ganz individuell nach seinen Möglichkeiten.

Der dritte Teil vermittelt die Fähigkeit, Körperwahrnehmungen, zwischenmenschliche Konflikte, Abhängigkeiten, selbstsabotierende Überzeugungen und Zwänge zu verändern und die volle Verantwortung für das eigene Leben und die eigenen Lebensumstände zu übernehmen.

Selbstvorwürfe entstehen. Dann hätte ich ja... Es ist völlig in Ordnung, sich so zu fühlen. Ich fühle Schmerz, Trauer; Wut, Lust, Freude, Liebe. Ich lebe. Alles war gut, so wie es war. Solche Sätze und ähnliche habe ich schon oft gelesen und gehört, doch jetzt fühle ich es, ich weiß es. Es wird wieder Schmerz, Trauer; Wut, Lust, Freude und Liebe geben. Aber es wird anders ein. Ich lebe. Der Fokus wird weiter; ich werde weiter; dehne mich aus, alles wird bunter, strahlender. Wie machen die das? Ich mache es. Ich bekomme eine  Hand voll hochwirksamer Werkzeuge überreicht. Wir probieren die Werkzeuge aus, üben, lachen Tränen, liegen uns in den Armen. Die Augen werden klarer, die Gesichtszüge entspannter.

Nur mal kucken. Stimmt in gewisser Hinsicht: in völlig neue Räume meiner Selbst.

 

Erschienen in der Zeitschrift Mensch&Sein 4/2000

 
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